Ligurische Passionen
Es ist ja ein eher klassischer Konflikt, an dem schon Ehen gescheitert
sind: Sie will im Urlaub ans Meer, er in die Berge. Konfliktscheu wie
ich nun mal bin, schien mir da Ligurien als der Inbegriff des alle
widerstreitenden Interessen vereinenden Kompromisses: Blaues Mittelmeer
und flache Sandstrände an der Blumenriviera, kurven- und kehrenreiche
Paßstraßen im bergigen Hinterland. Dazu mediterranes Spätsommerklima und
mediterrane Küche - das sollte doch eine solide Ausgansbasis für drei
Wochen dolce vita sein...
Tja, und so sah er etwa aus, ein Tag süßes Leben in Ligurien:
Durch Sohnemann ebenso pünktlich wie unerbittlich geweckt ist das erste
Ziel der Strand, ein erster Cappuccino zum Wachwerden an der Strandbar,
ein paar Sandburgen bauen, den bleichen Büromenschenkörper in die Sonne
legen und das erwachende italienische Strandleben beobachten. Was für
ein Gegensatz zwischen den weiten, menschenleeren Atlantikstränden, die
Filius und ich letztes Jahr in der Bretagne umgegraben haben, und diesem
touristendurchfluteteten Ort italienischer Badekultur! Fast jeder
Quadratzentimeter Strand ist genutzt, gesäumt von ordentlich in Reih und
Glied aufgestellten Liegestühlen, dass es jedem deutschen General die
Freudentränen in die Augen treiben würde. Hier zeigt sich der Südländer
von seiner teutonischen Seite, und auch die zugehörigen Bademeister der
hoteleigenen Privatstrände, die mit strengem Blick jeden verfolgen, der
den frisch gerechten Sand durch Fußspuren verunstaltet, könnten
preußischer nicht sein - vielleicht einmal abgesehen von ihrem
sonnengebräunten und goldkettenbehängten Äußeren.
Für das gemeine Volk (also auch für uns) bleiben immerhin ein paar
Quadratmeter öffentlicher Strand, und hier, wo die italienischen Mamas
mit ihren Bambini zwischen Einkauf und Kochen den Vormittag verbringen,
spielt sich ohnehin das wirkliche Leben ab. Von den hin und wieder
vorbei stolzierenden Madonnen, die die neueste Bademode an ihren
wahrhaft göttlichen Körpern vorführen, mal ganz abgesehen. Trotz dieser
unbestreitbaren optischen Vorzüge, der aufmerksame Leser mag es schon
gemerkt haben, liegt mir diese Art Strandleben nicht wirklich, aber
Sohnemann ist das wurscht: Das Wasser ist warm, das Ufer flach - ideal
für kindliche Badefreuden, und Gelati gibt es auch. Trotzdem: Bevor es
zu voll und zu heiß wird, machen wir uns schon wieder auf den Weg und
besorgen frische Panini für das ausgiebige Frühstück im Ferienhaus -
wenige Kilometer landeinwärts in einem Bergdorf ruhig und abseits des
Trubels gelegen. Beim zweiten Cappuccino lässt sich dann mit Hilfe der
Karte wunderbar die heutige Tagestour planen...
Und die verspricht, fast egal, welche Route man einschlägt, Schräglagen
bis zum abwinken. Zwar sind die Pässe, die hier so klangvolle Namen
tragen wie Colle San Bartolemeo, Colle San Bernardo, Passo del Maro,
Passo di Ginestro oder Giogo di Toirano, nicht so hoch wie die
berühmteren Alpenpässe (die 20 Pässe, die ich befahren habe, liegen
zwischen 620 und 1871 Metern über NN) und hält sie der Denzel für nicht
erwähnenswert, doch da man jeweils auf Meereshöhe startet, kommen auf
einer solchen Pässetour auch genügend Höhenmeter zusammen.
Atemberaubende Streckenführung und landschaftliche Hochgenüsse ebenso.
Getrübt wird der Spaß eigentlich nur durch die Tatsache, dass ich mit
dem Gespann angereist bin und sich allzu heftige Endurotouren verbieten
(auch nach Demontage des Beiwagens verbleibt ja der Hilfsrahmen am
Motorrad, der Bodenfreiheit kostet und ungeschützt den Steinen
ausgesetzt ist). So musste die Ligurische Grenzkammstraße mit ihrem
teilweise recht groben Schotter aus Rücksicht auf´s Material ausfallen,
wenngleich ich zumindest auf den Colle di Tenda und zum Fort Central
sowie auf den Monte Saccarello gefahren bin - mit 2.200 m Liguriens
höchster Berg. Ein Schottertip jenseits der bekannten Strecken ist
übrigens die Verbindung zwischen Monesi und Triora über Colla Garezzo
(1801 m) und Passo della Guardia (1461 m): fahrerisch unspektakulär,
aber landschaftlich sehr reizvoll.
Ist also in den Bergen die Enduro das Gefährt der Wahl, so gehört das
Terrain in den Innenstädten, etwa von Imperia, San Remo oder
Ventimiglia, eindeutig den Rollern und ihren tollkühnen PilotInnen. Mit
Badelatschen, Shorts und einer Ray Ban-Sonnebrille (als wohl wichtigstem
Teil der Ausrüstung) bekleidet, schwirren sie einem wie ein
Wespenschwarm um die Ohren, wenngleich die Vespas heutzutage eindeutig
in der Minderheit sind und zumeist von älteren Semestern pilotiert
werden. Die Anzahl der Fahrspuren wird nur limitiert durch die Baubreite
der jeweiligen Gefährte, evtl. noch durch die Anwesenheit eines
verzweifelt wie vergeblich um Verkehrsregelung bemühten Carrabinieri.
Doch auch außerhalb der Ortschaften, auf den kurvigen Abschnitten der
unter dem Namen Via Aurelia berühmten Küstenstraße, wissen einige der
Rolleristi ihre Kloschüsseln zu bewegen, dass es einem Respekt abnötigt.
Man kommt wirklich nur mit vehementen Gaseinsatz und unter Ausnutzung
der Reifenkante vorbei...
Ist schließlich auch dieser Teil des täglichen Wahnsinns des
italienischen Straßenverkehrs bewältigt, kann man sich den Gaumenfreuden
widmen. Leckere Pasta, etwas Lammfleisch vom Grill oder als regionale
Spezialität Bruschetta: geröstetes Weißbrot mit Knoblauch,
Tomatenstücken, Oregano und vor allem viel Olivenöl. Ich persönlich mag
das Ligurische mit seinem dezenten, nicht aufdringlich vorschmeckenden
Aroma übrigens besonders. Zum Ausklang des Tages schließlich macht man
es sich bei angenhemen Temperaturen auf dem Balkon bequem, ein Glas
Grappa in der Hand, dazu ein gutes Buch und der einlullende Klang der
Zikaden...
Ja, so etwa sah er aus, ein Tag in Ligurien...
©Achim Lerch 2002 zur Homepage zu weitern Bildern